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Kurzübersicht über den Agrarsektor

Kurzübersicht über den Agrarsektor und seine Bedeutung für die heimische Wirtschaft Aserbaidschans

Die Gesamtfläche der Republik Aserbaidschan beträgt 86.600 Quadratkilometer mit einer Einwohnerzahl von 9,0 Millionen. Das Land ist von drei Gebirgsketten umgeben: dem Großen und Kleinen Kaukasus sowie dem Talysh-Gebirge. Im Osten grenzt es mit einer Küstenlinie von 713 Kilometern an das Kaspische Meer.

Aserbaidschan ist ein wichtiger Handels- und Verkehrsknotenpunkt an der Großen Seidenstraße. Die klimatischen Bedingungen sind sehr komplex und einzigartig. Von den weltweit 11 bestehenden Klimatypen sind 9 im Land vertreten. Zudem sind hier eine Vielzahl der existierenden Bodentypen zu finden. Das Staatsgebiets besteht zu 58 Prozent aus Gebirgs- und zu 42 Prozent aus Flachland.

Die Landwirtschaft ist seit jeher ein bedeutender Produktionssektor in Aserbaidschan. Zu den Hauptanbauprodukten zählen Nutzpflanzen, Gemüse und Obst. Ferner haben die Seidenraupenzucht und die Nutztierhaltung eine lange Tradition.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat sich die wirtschaftliche Lage in Aserbaidschan dramatisch verschlechtert, so dass umfassende Reformen im Landwirtschaftssektor sowie in anderen Produktionsbereichen notwendig waren.

Als Ergebnis der Agrarreformen, die 1995 begannen, wurden Land und Besitz von Kollektiven (Kolchosen) und sowjetischen Landwirtschaftsbetrieben (Sowchosen) unentgeltlich unter den Bewohnern ländlicher Gebiete verteilt. Zudem wurden Verarbeitungsunternehmen privatisiert. Derzeit sind 871.000 Haushalte mit Landanteilen und 826.000 Haushalte mit Besitzanteilen im Agrarsektor tätig.

Aktuell sind 99,7 Prozent der Landwirtschaftsproduktion nicht-staatlich. 48 Prozent der Aserbaidschaner leben in ländlichen Gebieten. Ein Großteil der Bevölkerung ist in der Landwirtschaft beschäftigt (38,4 Prozent).

Der Landwirtschaftssektor hat im Vergleich zu anderen Wirtschaftsbereichen die höchste Wachstumsrate. Das Wachstum betrug im Jahr 2003 5,6 Prozent gegenüber dem Jahr 2002. In 2009 verzeichnete der Sektor ein Wachstum von 6,7 Prozent im Vergleich zu 2008.

Die Pflanzenproduktion und die Nutztierhaltung haben den größten Anteil am aserbaidschanischen Landwirtschaftssektor. Angebaut werden vorwiegend Weizen, Baumwolle, Gemüse, Kartoffeln, Wein und Tabak. In der Nutztierhaltung werden hauptsächlich Rinder, Schafe und Geflügel gezüchtet und Milcherzeugnisse produziert.

In 2009 machten die Nutzpflanzen und die Nutztierhaltung 59,1 bzw. 40,9 Prozent der landwirtschaftlichen Produktion aus.

Gemäß den erhobenen Daten im Jahre 2009 zählten Getreide (61,0%), Futterpflanzen (19,6%), Gemüse (4,3%) und Kartoffeln (3,5%) zu den Hauptanbauprodukten. Diese Entwicklung ist dem Bestreben der Landbevölkerung geschuldet, die Selbstversorgung mit notwendigen Lebensmitteln zu gewährleisten.

Statistiken der vergangenen 10 Jahre zeigen, dass der Anteil von Getreide und Leguminosen, Gemüse, Kartoffeln und Gartenpflanzen bei den Anbaupflanzen gestiegen ist.

Seit 1995 haben die Entwicklungen in der landwirtschaftlichen Produktion zahlreiche Veränderungen in der Produktionsstruktur mit sich gebracht. So ist der Anbau von Baumwolle, Tabak und Nutzpflanzen im Jahr 2010 gefallen, während die Produktion von Zuckerrüben um das 7,7-Fache, die Produktion von Gartenpflanzen um das 10,3-Fache und die Produktion von Kartoffeln um das 6,1-Fache gewachsen sind.

2010 hat die Nutzpflanzen- und Obstproduktion im Vergleich zu 1995 um das 2,8- bzw. 2,2-Fache zugenommen. Dabei sind die Qualität und Quantität über die Jahre verbessert worden.

Aktuell ist der Anstieg in der Weizenproduktion von besonderer Bedeutung. So wurden im Jahre 2010 656.500 Hektar (41,5%) des gesamten Ackerlandes für den Weizenanbau genutzt.

Die Agrarreformen haben auch die Nutztierhaltung positiv beeinflusst. 2010 betrug die Zahl der  Rinder 2.637.400 und ist damit um das 1,6-Fache gegenüber 1995 gestiegen. Die Zahl der Schafe und Ziegen ist im selben Zeitraum um das 1,8-Fache angewachsen und beträgt nun 8.463.100.

Neben dem zahlenmäßigen Anstieg in der Viehzucht sind auch der Output und die Produktivität verbessert worden. 2010 sind Fleischerzeugnisse um das 2,9-Fache, Wolle um das 1,7-Fache und Eier um das 2,6-Fache im Vergleich zu 1995 gestiegen.

Bei Kartoffeln, Gemüse, Gartenpflanzen und Obst ist Aserbaidschan bereits Selbstversorger und die regionalen Ausfuhrmöglichkeiten dieser Nutzpflanzen steigen stetig. Heute werden 25 verschiedene Lebens- und Nahrungsmittel in 85 Länder der Welt exportiert.

Die Strategie der landwirtschaftlichen Entwicklung ist unter anderem im „Staatlichen Programm über die zuverlässige Lebensmittelversorgung der Republik Aserbaidschan 2008–2015“ sowie im „Staatlichen Programm zur sozioökonomischen Entwicklung der Rayons der Republik Aserbaidschan 2009–2013“ niedergelegt, die vom aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Alijew unterzeichnet wurden. Demnach liegt der Fokus auf der Produktion von Nutzpflanzen, Weizen, Gemüse, Baumwolle, Wein, Tee, Obst, Tabak und Schösslingen sowie auf der Entwicklung und Ausweitung der Schaf-, Ziegen- und Geflügelzucht sowie von Milcherzeugnissen.

Flurbereinigung und die Förderung von größeren landwirtschaftlichen Haushalten durch staatliche Fonds sind als wichtige Instrumente identifiziert worden, um die kontinuierliche Brotversorgung zu sichern und Saatgut zu verbessern. Die aserbaidschanische Regierung stellt jährlich 100 Millionen US-Dollar für die Förderung der privaten Landwirtschaft bereit. 50 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebsmittel wie Benzin, Schmiermittel und Dünger werden von der Regierung subventioniert. Weizenproduzenten erhalten 49 US-Dollar pro Hektar.

Um die Abhängigkeit der heimischen Wirtschaft vom Ölsektor zu verringern, sind zahlreiche integrierte Projekte und Programme implementiert worden, die insbesondere darauf abzielen, die regionale soziale Infrastruktur, die Beschäftigungsquote sowie die Armutsbekämpfung und andere Bereiche zu fördern. Dank der konsequenten Wirtschaftsreformen sind in den letzten 7 Jahren mehr als 900.000 neue Arbeitsplätze geschaffen worden und die Armutsgrenze um das 4- bis 5-Fache auf 9,1 Prozent im Jahr 2010 reduziert worden.

Erfolgreiche Reformen haben auch das Exportpotential von landwirtschaftlichen und Grunderzeugnissen positiv beeinflusst. So betrug das Volumen von landwirtschaftlichen Exporten  im Jahre 2008 406,7 Millionen US-Dollar, im Jahre 2009 395,1 Millionen US-Dollar und im Jahre 2010 400,4 Millionen US-Dollar. Während sich diese Kennzahl im Jahr 2004 auf einem Niveau von lediglich 137,0 Millionen US-Dollar befand.

Zu den wichtigsten Agrarexporten zählen Rohbaumwolle, Tabak, Nüsse, junge Kartoffeln, Obst und Gemüse, Fruchtsäfte und Schwarzer Tee. Importiert werden vornehmlich Weizen, Weizenmehl und Zucker. Gleichzeitig haben die Sanierung und der Bau von Landwirtschaftsbetrieben in Aserbaidschan dazu beigetragen, die Ausfuhr von Obst- und Gemüsekonserven, Säften, Speiseöl, Spirituosen und Zucker zu erhöhen.

Das Exportvolumen von landwirtschaftlichen Erzeugnissen betrug im Jahre 2008 145,1 Millionen US-Dollar, im Jahre 2009 162,8 Millionen US-Dollar und im Jahre 2010 215,7 Millionen US-Dollar. Im Jahr 2004 belief sich diese Zahl auf lediglich 41,0 Millionen US-Dollar. Die Hauptexportländer sind u.a. Russland, die Ukraine, Georgien, Weißrussland, Deutschland, Polen, die Türkei, Italien, die USA, Großbritannien und der Iran.

Momentan operieren 80 Unternehmen in der Obst- und Gemüseproduktion. Aserbaidschan ist autark bei der Konservenproduktion von Obst und Gemüse. 70 Prozent der Produkte werden in die GUS und nach Europa exportiert.

Im Jahr 2010 wurden 954.000 Tonnen Kartoffeln produziert, während der heimische Bedarf bei nur 337.000 Tonnen lag. Der Output betrug also das 2,5-Fache des Bedarfs. 64.000 Tonnen Kartoffeln wurden 2010 exportiert.

2010 wurden in Aserbaidschan 1.181.000 Tonnen Gemüse und Gartenpflanzen bei einem Bedarf von lediglich 450.000 Tonnen produziert. Im selben Jahr wurden 54.200 Tonnen Gemüse und Gartenpflanzen exportiert.

Im Jahr 2010 wurden 729.3000 Tonnen Obst in Aserbaidschan produziert – ein Output, der die heimische Nachfrage (375.300 Tonnen) um fast das Doppelte übertraf. So wurden 2010 178.600 Tonnen Obst exportiert.

Während der Sowjetzeiten wurden 70 Prozent der mehr als 2 Millionen Tonnen Weintrauben in verarbeiteter Form exportiert. Derzeit gibt es in Aserbaidschan Weinanbaugebiete von mehr als 10.000 Hektar.

Die Anbauflächen für Nüsse und Haselnüsse erstrecken sich über 27.000 Hektar. Jedes Jahr entstehen in Aserbaidschan weitere 410 bis 580 Hektar neue Nuss- und Haselnussgärten. Die Nuss- und Haselnussernte deckt die Binnennachfrage. Darüber hinaus werden rund 7.000 bis 10.000 Tonnen exportiert.

Aserbaidschan ist ein traditionelles Tabakanbauland. Während der Sowjetära wurden jährlich 45.000 bis 65.000 Tonnen Tabak produziert, wovon 35.000 bis 40.000 Tonnen exportiert wurden. Es gibt 6 Tabakfermentierungsfabriken, die über eine Outputkapazität von 48.000 Tonnen verfügen. Die European Tobacco Baku LLC kümmert sich mit einer jährlichen Outputkapazität von 10 Milliarden Zigaretten um die Tabakproduktion. Aserbaidschans Exportkapazität könnte mit Investitionen in diesen Sektor weiter gesteigert werden.

Gegenwärtig gibt es über 20 Unternehmen in Aserbaidschan, die Bier produzieren und dabei jährlich mehr als 3,2 Millionen Deziliter herstellen. Die jährliche Biernachfrage im heimischen Markt liegt bei 2 Millionen Deziliter.

Es ist vorgesehen, eine Bierproduktion von 4,5 Millionen Deziliter im Jahr 2011 zu erzielen, die teilweise exportiert werden könnte.

Momentan sind 30 Firmen in der Weinherstellung aktiv. Dabei werden rund 1 Million Deziliter pro Jahr im Inland konsumiert. Das gesteckte Ziel für die Weinproduktion ist auf 3 Millionen Deziliter bis zum Jahr 2015 festgesetzt worden. Ein Teil dieser Menge ist für den Export vorgesehen.

Insgesamt spielen internationale Kooperationen eine wichtige Rolle beim Transfer von zeitgemäßen Fertigkeiten und Know-How in aserbaidschanische Dörfer. Dabei hat das Land bereits erfolgreich mit verschiedenen Organisationen zusammengearbeitet: Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), Europäische Union, Weltbank, Asiatische Entwicklungsbank, International Center on Agricultural Research in Dry Areas, Internationales Büro für Tierseuchen, Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Internationaler Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung, Internationale Entwicklungsorganisation und Pflanzenschutzorganisation für Europa und den Mittelmeerraum.

Zahlreiche Projekte, Trainingsprogramme und Seminare, die von internationalen Organisationen und Partnerländern, darunter Deutschland, durchgeführt wurden, haben zum Erfolg der Entwicklungen im Agrarsektor beigetragen.

Neben der zuvor erwähnten Kooperation werden weitere Projekte als äußerst relevant eingestuft:

  • Implementierung von technischer Unterstützung bei der zertifizierten Zucht von Saatgut und Schösslingen;
  • Erfahrungsaustausch bei der Gründung von bäuerlichen Kleinbetrieben und Verbänden;
  • Formulierung und Realisierung von Gemeinschaftsprojekten zur Bekämpfung von ansteckenden Tierkrankheiten;
  • Formulierung und Realisierung von Projekten zur technischen Unterstützung bei der Planung von kleinen Rinder- und Geflügelfutterfabriken in den Rayons;
  • Etablierung von Kooperationen in der landwirtschaftlichen Forschung und der Errichtung von Agrar-Hochschulen.


 
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